Janalunas Tummelplatz

 

 

zurück

BuchstabenWebstube
Novemberschreiben
Bilder
Internet-Tagebuch (bis Juni 09)

       

 

 












 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Courier New

Kolumne



Ich mag Irinas Geschichten. Sehr sogar. Schichte sie in eine Datei, benennt mit ihrem Namen. Doch warum zum Teufel schreibt sie mit Courier New, dieser Schrift, die so aussieht, als sei sie auf einer klapprigen alten Schreibmaschine aufs Papier getippt worden? Wobei ich nichts gegen klapprige alte Schreibmaschinen gesagt haben will, denn einer solchen verdanke ich den Beginn meiner schriftstellerischen 'Karriere', will heissen, meine ersten zwei Bücher!

     Acht Jahre alt war ich damals, als ich sie schrieb. Mein Vater hatte sein alte Schreibmaschine zum Gebrauch frei gegeben. Ein Hermes Baby in grauem Kunststoffkoffer – heute Kult! – löste sein alte Teil ab, das nicht lange ungenutzt herumstehen musste. Schwarz war es. Und ich erbarmte mich seiner. Die Tasten hingen an metallen Bügeln, unverdeckt, so dass beim Tippen eine sichtbare Mechanik in Betrieb gesetzt wurde. Auf ehemals weissem Papier und mit Folie geschützt, klebten die Buchstaben-Namen auf den Tasten. Egal wie verlottert sie nach heutigen Massstäben aussah, ich liebte sie. Meine Schreibmaschine! Obwohl das A klemmte. Machte nichts. Ich presste es einfach jedes Mal eigenhändig auf das Stofffarbband, das halb rot, halb schwarz, mehr schlecht als recht auf das Papier abfärbte.
     Mein grosser Lieblingsbruder war mal wieder frisch verliebt. Diesmal war es ihm ernst! (Und ist es ihm noch immer. Ja, so was gibt’s tatsächlich!) Ich mochte seine Liebste auf Anhieb und sie mich. Begeistert las sie meine Geschichte. Beflügelt von ihrem Lob tippte ich weiter und weiter an meinem ersten Buch. Buch sag ich da? Büchlein käme der Sache wohl näher. Makulatur musste herhalten. Selten mal fand ich Armeleutekind ein Stück Papier, das nicht schon auf einer Seite bedruckt war. SP-Sitzungsprotokolle meines Vaters wurden sinnvoll recycliert. Vorderseiten, die mich damals nicht die Bohne interessierten. Oft waren die Ecken meiner Bögen eingerissen, so dass ich sie vor dem Einspannen zurechtschneiden musste. Was den kreativen Nebeneffekt hatte, dass jede Seite meines Buches ein anderes Format hatte. War egal. Hauptsache, es passte in meine Schreibmaschine. Sie war meine Rettung, denn auf ihr konnte ich endlich richtig schön schreiben.
     Was würde wohl meine Lehrerin heute dazu sagen, wenn sie wüsste, dass sie mit ihrem Gemotze über mein Schriftbild, das mir Jahr für Jahr schlechtere Noten in Heftführung eintrug, Mitschuld an meiner Leidenschaft für die Tastenhackerei trägt? (Zu ihrer Ehre muss gesagt werden, dass sie nicht die Einzige war, die meine Schrift kaum lesen konnte!) Schon sehr bald konnte ich mit beiden Händen schreiben. Was damals so viel hiess, wie ‚mit beiden Zeigefingern schreiben’.

Natürlich war die Protagonistin meiner zweibändigen Fortsetzungsgeschichte ein Mädchen in meinem Alter. Dieses Mädchen, dessen Namen ich seltsamerweise vergessen habe, hatte natürlich alles und dazu auch alle Freiheiten, die ich nicht hatte. Es fuhr beispielsweise mit seinen Eltern mit dem Auto, das wir nicht hatten, in die Ferien, was auch immer das war. Nein, ich vermisste diese Dinge nicht wirklich. Ich stellte mir wohl eher vor, wie es wäre, wenn ... Nicht alles, was wir schreiben, wollen wir wirklich. Wir probieren schreibend andere Schuhe. Schauen, ob sie ebenso drücken, wie die eigenen. Sie tun es. Garantiert. Wenn auch an anderen Stellen.
     Im ersten der zwei Bücher, das ich deutlich dünner in Erinnerung habe als das zweite, erzählte ich vom Unfall, den die kleine Schwester der Heldin hatte. Oder war jene der Freundin? Die Mädchen hatten gedankenverloren gespielt und die kleine Schwester, die sie hüten sollten, vergessen. Und natürlich - Gott straft sofort! - geschah ein schlimmer Autounfall. Der aber unter dem Strich glimpflicher endete als es zuerst ausgesehen hatte.
   Im zweiten Buch fuhr meine Heldin mit ihren Eltern im Auto an die Ostsee. (Hatten wir in Heimatkunde über die Meere gesprochen oder hatte ich wohl im Fernseher darüber gehört?) Jedenfalls fuhren alle zusammen an die See und fanden am Strand einen mutterlosen Seehund. Nannten ihn Balduin. Und natürlich waren die lieben Eltern damit einverstanden, das arme Tier mit nach Hause zu nehmen. In der heimischen Badewanne wuchs das herrliche Tier heran. Nun ja... Das war noch vor Rennschwein Rudi Rüssel. Etwas ad absurdum zu führen, fiel mir damals noch nicht ein. Deshalb wurde Balduin eines Tages ...

Doch halt, ich muss euch zuerst von meiner Zauberkunst erzählen. Eine meiner ganz besonders nützlichen Zauberkünste bestand - und besteht noch immer! - darin, jedem handschriftlichen oder getippten Fehler ein neues, fehlerfreies Gesicht zu verleihen. Die Kunst der Verwandlung kann doch nicht früh genug erforscht werden! Bei meiner Handschrift fiel es den Lehrkräften eh nicht auf, wenn aus einer Neun plötzlich eine Acht geworden war. Auch Buchstaben konnte ich mir nichts, dir nichts verwandeln. Natürlich waren auch Tippfehler nicht vor mir sicher. Wenn ich ehrlich bin, waren es nicht nur Fehler, die ich "berichtigte", verschönerte und so den Erfordernissen anpasste. - Von all den Fahrkarten, die ich... Nein, nein, das würde zu weit gehen. Auch hat es mit der Geschichte, die ich hier erzählen will, nichts zu tun.

Damals also, ich war noch immer acht Jahre alt, beabsichtigte ich den neuen Abschnitt mit „Am andern Morgen...“ einzuleiten, denn die Familie meiner Heldin musste dringend, eine neue Wohnung suchen. Wegen Balduin. Deshalb galt es am nächsten Morgen die Zeitung studieren. Es gab ja noch kein Internet. Und Korrekturbänder meines Wissens auch nicht. Eifrig tippend vergass ich einen Leerschlag, so, dass da plötzlich „Amand ...“ auf dem eingespannten Bogen erschien. Für mich kein Drama. Der Abschnitt begann nun einfach ein bisschen anders. „Amanda Meier vermietet 4-Zimmerwohnung mit grossem Bad ...“
     Die Familie zog, natürlich mit Balduin, schliesslich in die neue Wohnung um, doch eines Tages siegte die Vernunft und das arme Tier wurde in den Tierpark gebracht. Hach. Es geht doch nicht über ein bisschen Vernunft zur rechten Zeit!
     Ob ihr euch wohl vorstellen könnt, wie sehr ich das Geklapper meiner Schreibmaschine liebte? Wie sehr ich es liebte – und noch immer liebe – , Wörter, ohne darüber nachzudenken, in ihre Atome zu zerlegen und sie mittels Druck auf die richtigen Tasten auf dem Papier richtig zusammengesetzt wieder zu finden! Hohe Zauberei! Wenn aus der Abfolge der Wörter ein witziger Satz wurde und sich Satz um Satz zu einer Geschichte verwoben, schlug mein kleines Herz wie wild. Und das tut es heute noch! (Nur ist es nicht mehr so klein wie damals ...)

In schönster Courier, die damals wohl noch nicht so hiess, mit Serifen geschmückt, füllte ich Bogen um Bogen. Ob ich sie wirklich so schön fand? Vergleiche hatte ich damals keine. Auch dass meine und alle anderen Schreibmaschinen eine feste Schriftbreite hatten, wusste ich nicht. Ebenso wenig, dass das bedeutete, dass jedes Zeichen gleich breit ist, will heissen, M so breit wie i.

Später kaufte sich mein Vater seine erste elektrische Kugelkopfschreibmaschine. Occasion. Fasziniert studierten wir gemeinsam die Mechanik. Hier verschob sich nun nicht mehr - wie bis anhin - die Walze von rechts nach links, sondern die Kugel. Sie schob sich allerdings nicht bloss hin und her. Nein! Sie tanzte - von links nach rechts - und kreiste im Rhythmus des Schreibens. Küsste neue Buchstaben aufs Papier. Bogen und Walze schoben Müssiggang. Die Walze sprang faul ein paar Millimeter nach oben, um den Bogen in die richtige Position zu bringen, wenn die Zeilenschaltung aktiviert wurde. Diese - früher ein imposanter, quietschender Metallbügel - hatte einer simplen Taste Platz gemacht

Vor dreizehn Jahren beschloss ich, um meinem wachsenden Bedürfnis nach Papierbeschriftung gerecht zu werden, mir zwar keinen Computer anzuschaffen, doch immerhin eine elektronische Schreibmaschine. Mit allen Schikanen. Wie stolz ich auf das neue Teil war! Das kleine Display und der temporäre Zeilenspeicher trugen dazu bei, dass ich Tippfehler erkannte, bevor sie auf dem Papier landeten. Auch konnte ich aus drei oder vier Schriftkopf-Möglichkeiten auswählen. Noch immer war feste Schriftbreite Programm, natürlich, doch immerhin konnte ich eine serifenlose Schrift wählen. Das schien mir moderner.
     Nein, ich habe nichts gegen Serifen. Die meisten Bücher und Zeitungen sind in Serifen-Schriften gedruckt. Fliesstexte mit kleinen Auftakten und Ausklängen lassen sich offenbar leichter lesen. Was mir damals ziemlich gleichgültig war. Hauptsache ich konnte schreiben. Und Hauptsache, es sah nicht so altbacken aus wie mein erstes Kinderbuchmanuskript! Ganze Ringordner füllte ich nun. Mit Kurzgeschichten. Mit Alltagslyrik. Ein.Wort.pro.Zeile-Gedichte entstanden noch und noch. Jahre später habe ich sie alle eingescannt. Knochenarbeit pur! Doch das ist ein anderes Kapitel! Nur soviel: Ich bin dankbar um mein Laptop.

Versteht ihr nun, warum ich mich von Irina anstecken lassen und mich als Manuskriptschrift für Courier New entschieden habe? Für diese Schrift, die so aussieht, als sei sie auf Vaters klapprigen alten Schreibmaschine aufs Papier getippt worden?

  © by janaluna (kontakt - Betreff: Janaluna)