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Fossilien ausgraben Vor
zwölf Jahren kam ich zum ersten Mal mit Speckstein in Berührung. Wortwörtlich.
Ich lebte damals in
einer Lebensgemeinschaft im Haute Jura, Frankreich.
Eine Freundin und ein Freund, die mit uns dort lebten, führten einen
kleinen Schnitz- und Schleifworkshop durch. *** Es
war einmal, vor vielen, vielen Jahren, ein kleines Mädchen. Als es in
Berührung
mit den Buchstaben kam, war es knapp drei Jahre alt. Ja, es berührte sie.
War berührt von ihren Kanten und suchte nach dem Rätsel ihrer Macht. Was
verbargen sie? Wie war es möglich, dass kleine, meist schwarze Zeichen
– in Büchern geschichtet und auf Zeitungen gestreut – die Fähigkeit
hatten, Menschen ein Lachen aufs Gesicht zu zaubern? Oder Zorn auszulösen.
Diskussionen. *** Geschichten
zu schreiben ist geologische Feinarbeit, sagt Stephen King in ‚Das
Schreiben und das Leben’. Ich zitiere ihn und seine Parabel mit den
auszugrabenden Fossilien hier nicht wortwörtlich. Doch ich teile seine
Vorstellung, dass Geschichten schon immer da waren. Immer da sein werden.
So und anders. Diese und andere. Zugedeckt. Unterirdisch oft. Im Dunkeln.
Ob sie darauf warten, ausgegraben zu werden, wage ich nicht zu behaupten.
Doch ich wage zu behaupten, dass sie, wenn wir zu finden bereit sind, sich
gerne von uns finden lassen. Dass sie uns jenen ersten klitzekleinen
Zipfel sehen lassen, der aus der Erde schaut. *** Bonus Track... Auch ich bin. Eine Geschichte. Gesichtet. Geschichtet. Ausgegrabenes Fossil. Freigelegte, blankgewaschenen Knöchelchen. Einzelteile. Kieselsteine.Ich setze zusammen. Staple aufeinander. Erfahre jeden Stein als weitere Schicht meines Lebens. Ich wähle diejenigen, die für meine Zwecke am geeignetsten scheinen. Am liebsten, ich geb's zu, wären mir viele flache, glatte. Die Suche nach den perfekten Steinen frustriert zuweilen. Deshalb beschliesse ich, mich mit den asymmetrischen und kantigen zufrieden zu geben. Sie rutschen weniger. Ich begreife: Den perfekten Stein gibt’s nicht. Nicht so jedenfalls, wie von mir gedacht. Oder besser: Jeder Stein ist perfekt. Ich schichte. Stein auf Stein. Wackeliger Turm. Er stürzt ein. Immer wieder. Ich fange von vorne an. Wage neue Kombinationen. Ist es der letzte Stein, der den Turm zum Einstürzen brachte? Oder jener, der darunter lag? Der erste gar? Schuldige suchen ist müssig. Jeder Stein ist perfekt. Wie gesagt. Und auch der Einsturz ist in Ordnung. Er zerstört einzig und allein meine Ideen und vergängliche Kreationen. Nicht mehr, aber auch nichts weniger. Die Steine gehen dabei nicht kaputt, sie verändern nur ihren Platz. Wie im Tod. Nichts geht verloren. Alles wandelt sich. Einsturz und Scheitern können mir nicht wirklich schaden, nein. Einsturz meint Erfahrung. Eröffnet neue Möglichkeiten. Ermutigt dazu, Gleichgewicht finden als dynamischen Prozess anzusehen. So schichte ich immer neu. Wackeln inbegriffen. Stein auf Stein zu legen erfordert, die Gesetzmässigkeiten der Schwerkraft zu spüren. Verinnerlichtes Wissen manifestiert sich in meinen Händen. Gelassen steht mein Turm da. Wartet auf neue Schichten. Auf den nächsten Einsturz. Auf den letzten Stein. Irgendwann. Meine Geschichte. Schicht um Schicht. Wie gesagt, der Stein ist der Chef. Der Stein und ich sind eins.
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