Janalunas Tummelplatz

 

 

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Textiles Weben – Texte weben

Während ich aus der grossen Kiste einen Faden auswähle, nimmt das Gewebe in mir drin immer deutlichere Formen an. Die Idee meiner Geschichte, der Plot, wird klar. Seide, Garn, Wolle oder Leinen? Stark oder fein? Ich entscheide mich sowohl für das optimale Material als auch für die geplante Länge. Doch ein bisschen mehr, als Vorrat, darf es schon sein. Freudig gespannt spanne ich den Kettfaden in den grossen Rahmen. Den rote Faden meiner Geschichte.

Nun bereite ich die Schussfäden vor. Ich wickle farbige Garne auf die Schiffchen. Meine Protagonisten. Bereit für die Reise.

Webend entscheide ich, wann ich welches Farbenschiffchen durch die Kettfäden schiesse. Ich wähle, wie breit die Streifen sein sollen. Oder wie schmal. Der Stoff wächst mit jeder Bewegung. Von links nach rechts webe ich, von rechts nach links. Dichter und dichter. Spannend, wie sich alles ent-wickelt, ab-wickelt, verändert, neue Kombinationen entstehen. Dissonanzen wechseln sich ab mit harmonischen Ton in Ton-Phasen.

Nun ist genug. Ich komme zum Ende. Der letzte Schussfaden ist gewoben. Ich schneide den Faden ab und verknote ihn. Auch die vielen Enden des Kettfadens schneide ich ab und verknote sie.

Happy End?

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Adieu tristesse

Was während Monaten im stillen Kämmerchen gesponnen wurde, wird endlich sichtbar. Viele bunte Fäden liegen bereit. Auf der Bühne, heute zur Fadenkiste geworden. Fäden aus Saiten, Blech, Metall, Chrom und Kunststoff. Fäden, die dafür sorgen, dass Weberin und Weber uns mit ihren Stoffen, die sie vor unseren Ohren erschaffen, verzaubern werden. Viele bunte Fäden, zu einem einzigen mehrfarbigen Kettfaden versponnen, der schon bei der kleinsten Berührung von Meister und Meisterin magisch strahlt und darauf wartet, endlich gewoben zu werden. Ideen warten in Köpfen, Händen, Herzen auf ihren Einsatz. Gestimmte Saiten. Aufs äusserste gespannter Kettfaden.

Der erste Schuss... roter Faden fällt durch Zeit und Raum. Adieu tristesse. Fäden wirbeln hin und her, von rechts nach links, von links nach rechts. In allen Farben des Regenbogens. Sonnengelber Violinenklang sprudelt durch den Raum, mischt auf und kontrastiert mit den erdbraunen Gesängen des Saxophons und den frühlingsgrünen Melodien des Akkordeons, die mal melancholische, mal fröhliche Lieder begleiten. Wasserblaue Gitarren-, tiefblaue Contrabass- und tiefgründig-violette Schlagzeugrhythmen bilden den Klangteppich im Hintergrund. Beine beginnen zu vibrieren. Schultern, Köpfe, Hände mögen nicht mehr ruhig sein, schwingen mit. Neue Fäden, neue Formen, neue Farben. Raum wird weit. Lebensfreude findet Resonanz. Fäden verdichten sich hier, werden dort durchlässig. Übergangslos fliessen Farben ineinander über.

Doch auch unser Jubeln, Pfeifen, Tanzen und Applaudieren vermag den Kettfaden nicht zu verlängern. Immerhin reicht es für drei Zugaben.

Schnitt. Happy End.

Gesehen und geschehen am 8. 3. 2008, im Du Nord, Bern: Feet Peals: CD-Taufe: Adieu tristesse; http://www.myspace.com/thefeetpeals

 

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Vergänglichkeit

eine Brücke bauen
aus Ästen am Weg

für den Augenblick nur
doch not-wendig
um jetzt
von hier nach dort zu gelangen
den Fluss zu überqueren

ich weiss:
meine Brücke wird zusammenbrechen
wenn ich sie überquert habe

dennoch baue ich sie
hingebungsvoll
jetzt
verwebe Aststücke mit langen Stecken
- Kettfäden gleich -
stabil
dicht
kompakt

ich überquere den Fluss
gehe vorwärts

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Der glückliche Teppich

Frau Meier verknotet den letzten Sack. Einzelne Tränen tropfen auf seine Plastikhaut. Heruntertragen wird ihn Tim, ihr Enkel. Alle Kleider – bis auf jenen dunkelgrauen Tschoope, den sie Tim versprochen hat – sind verpackt. Die Jungen tragen wieder solche Jacketts wie ihr Hans eins hatte. Sie putzt sich die Nase. Er war ein glücklicher Mensch, ihr Hans.

Tim grüsst Frau Müller, die ebenfalls einen Sack mit alten Kleidern zur Strasse trägt. Dass eine so hübsche Frau aber auch Müller heissen muss? Sie grüsst lachend zurück.

„Das sind die zwei letzten!“, sagt Rudi. Locker schwingt er die weissen Kleidersäcke aufs Förderband, steigt wieder hinters Steuerrad und fährt davon.

„Schau! Das würde dir stehen!“, sagt Alice. Doris lacht. Solche Kleider trug ihre Grossmutter. Sie sortieren aus. Hier für die Teppichweberei, dort für Afrika. Beide arbeiten seit ein paar Monaten hier, Alice ein bisschen länger. Doris war zuvor ein Jahr in der Klinik, Alice ein halbes. Beide haben deswegen ihre Stellen verloren. Üben hier Alltag. Nicht so einfach. Leben weben als Bergtour, als Sturm, als Kampf. Gegen die Strudel anschwimmen. Vorurteile. Etiketten kleben lebenslänglich. 

Gekonnt zerteilt Alice das blaue, aus der Form geratene T-Shirt in Streifen. Sie bemüht sich, lange, schmale Streifen zu reissen, damit die zukünftigen Schussfäden möglichst viel hergeben. Doris wickelt die fertigen Stoffbänder auf Weberschiffchen. 

Meine Klientinnen schwärmen von jenem wunderbaren Teppich, den Alice heute webt. Sie sei bald fertig. Kurz vor Feierabend, nachdem wir den Brennofen gefüllt haben, gehe ich zur Weberei hinüber. Tatsächlich!

„Diesen Teppich muss ich haben, Alice! Ein Meisterstück!“, sage ich.

„Diese Stoffe stammen von glücklichen Menschen, weisst du. Ich habe sie ausgelesen und daraus einen glücklichen Teppich gewoben!“, antwortet sie.

„Für mich!“, sage ich. 

Dankbar rolle ich den Teppich am nächsten Tag zusammen, bezahle ihn an der Atelierkasse und trage ihn nach Hause.

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Tücher - nicht gewobene...

Schon wieder erkältet. Die Nase läuft. Zum davonlaufen. Ich putze mir die Nase. Mit Zellstöffchen, gut deutsch: Papiertaschentücher. Nicht Stoff. Immerhin sauerstoffgebleicht, doch nicht gewoben.

Früher, ja, da gab es sie noch: Richtige Tücher. Die frau/man in der Tasche trug. In den Wäschekorb steckte. An die Leine hängte. Unter dem Bügeleisen entknitterte. Jener Geruch ist noch immer präsent, obwohl ich heute kaum noch bügle. Gefaltet warteten die Dinger in der Schublade auf den nächsten Schnupfen.

Hatschi. Gesundheit. Danke.

Ich putze mir die Nase. Und werfe das nicht gewobene Papiertaschentuch in den Abfall.

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Ungleiche Fäden

Kettfaden Vernunft – Schussfaden Lust
Kettfaden Angst – Schussfaden Übermut
Kettfaden Moral – Schussfaden Lebenshunger
Kettfaden Gesellschaftliche Normen – Schussfaden Experiment
Kettfaden Anstand – Schussfaden Ehrlichkeit
ungleiche Fäden im gleichen Gewebe

***

ungleiche Fäden

mutige Närrin
küsst ihn im Regen
nur einmal

im gleichen Gewebe

ängstlicher Feigling
küsst ihn im Regen nicht
vergiss es

ehrlich sein hiesse
das Gesicht verlieren im Regen
dream on

natürlich
natürlich nicht
er ist schliesslich
sie ist schliesslich

    

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