Rezension aus 'literaturtest.de'
Haben
Sie schon einmal von der "Paradies-Depression" gehört,
die zum Beispiel Rentner befällt, die ihren Altersruhesitz
nach Mallorca verlegt haben? Oder von der
"generalisierten Heiterkeitsstörung", die sich in
Symptomen wie Sorglosigkeit und Realitätsverlust äußert?
Nein, Sie befinden sich nicht in der Harald Schmidt-Show,
sondern mitten im Wunderland unseres Medizinsystems. Anhand
dieser und ähnlicher "Krankheitsbilder"
dokumentiert Spiegel-Redakteur Jörg Blech einen
medizinischen Megatrend: die "Medikalisierung"
unseres Daseins, verbunden mit der Erfindung von Krankheiten
als wichtigem Marketinginstrument.
Allianzen
des Profits
Pharmafirmen sind Wirtschaftsunternehmen und versuchen als
solche, ständig neue Märkte zu erschließen. So weit, so
nachvollziehbar. Was aber, wenn Firmen vermeintliche
Krankheiten wie Marken aufbauen, um ihre Medikamente besser
verkaufen zu können? Wenn die Anwendungsbereiche eines
Wirkstoffs immer weiter ausgedehnt werden, so dass etwa
Alzheimer-Medikamente zur Leistungssteigerung bei Managern
eingesetzt werden? Dann wird, so der Autor, "Krankheit
zum Industrieprodukt". Die Angst der Menschen vor
verminderter Leistungsfähigkeit, Alter, Krankheit und Tod
wird regelrecht ausgeschlachtet. Oft in Zusammenarbeit mit
PR-Agenturen, Journalisten und Medizinern (so genannten
"Mietmäulern") werden normale Daseinsprozesse wie
Haarausfall oder persönliche Probleme wie Schüchternheit so
dramatisiert, dass die "Patienten" in ihrer
"Not" dankbar zu den entsprechenden Präparaten
greifen.
Zielgruppe
"Kind"
Besonders bedenklich ist dieser Trend in Bezug auf die
Zielgruppe "Kind". Ein Beispiel: Die medikamentöse
Bekämpfung des so genannten
"Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom" (ADS) hat
mittlerweile epidemische Ausmaße angenommen. Ritalin
und seine Konkurrenzprodukte dürfen zwar in Deutschland nur
nach den strengen Auflagen des Betäubungsmittelgesetzes
abgegeben werden. Trotzdem verabreichen manche Ärzte das
Medikament auch Kindern unter sechs Jahren ¿ legal! Auch wenn
man sich mitunter ein etwas differenzierteres Herangehen gewünscht
hätte: Jörg Blech hat ein aufrüttelndes Buch zu einem hoch
aktuellen Thema geschrieben.
(Roland Große Holtforth)