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Ursula Eggli
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Zur
Erinnerung an Ursula Eggli
Am
2. Mai 2008, in ihrem 63. Altersjahr, ist Ursula friedlich in
ihrer vertrauten Umgebung gestorben. Ihre Stimme hatte sie mehr
und mehr verlassen, weshalb sie sich in den letzten Wochen aus
allen Aktivitäten verabschiedet hatte.
Hallo
aus Freakland
Bekannt
wurde Ursula Eggli vor dreissig Jahren mit ihrem Erstlingswerk
‚Herz im Korsett’, dem Tagebuch einer Behinderten,
einem tabufreien und schonungslosen Bericht über das alltägliche
Leben mit
den sogenannt Normalen. Aufmüpfig war Ursula Eggli schon immer.
Doch in den letzten Jahren ist es stiller um die Berner
Schriftstellerin geworden, denn der fortschreitende Muskelschwund
hat sich im Laufe der Zeit auch auf ihre Hände ausgebreitet. Seit
nun bald zehn Jahren kann sie nur noch mit grösster
Anstrengung und auf einer speziellen Tastatur selber schreiben.
Literarisches Schreiben ist ihr fast unmöglich geworden.
Mit Rundmails und einer Website hält sie den Kontakt zu einer grösseren
Gruppe von Freunden, Freundinnen, Bekannten und Interessierten
aufrecht. (05.2007)
Interview:
Denise Maurer
Das
schon ältere Holzhaus, das Ursula mit wechselnden
MitbewohnerInnen seit bereits sechsundzwanzig Jahren bewohnt,
steht in einem Aussenquartier von Bümpliz und ist von einem
liebevoll gehegten Blumen- und Gemüsegarten umgeben. Ein
Hexenhaus inmitten moderner Ein- und Mehrfamilienhäuser, das fast
so exotisch wie seine BewohnerInnen anmutet. Aber auch hier hat
die moderne Technik Einzug gehalten, denn Ursulas Türe öffnet
sich per Knopfdruck, nachdem ich mich an den zwei Hausglocken
angemeldet habe.
Ursula
rollt mir auf ihrem elektronisch gesteuerten Rollstuhl entgegen
und begrüsst mich herzlich, jedoch mit kleiner Stimme. Auch vor
dieser macht der Muskelschwund nicht Halt. Ursula führt mich
durch ihre gemütliche Parterrewohnung, die sie mit zwei jungen
Frauen teilt. Janine und Manuela, sowie die beiden Familien,
welche die oberen Stockwerke bewohnen, helfen in der Betreuung von
Ursula mit. So steht es im Mietvertrag dieses Hauses. Ein
einmaliges Projekt der Stadt Bern. Ergänzend ist es der SPITEX
und einem grossen Freundeskreis zu verdanken, dass die
schwerbehinderte Frau relativ selbstbestimmt leben kann.
Herzlichen
Dank, Ursula, dass Du mir einige Fragen beantworten magst. Vor
mehr als zwanzig Jahren habe ich ‚Herz im Korsett’ gelesen.
Aus meiner Sicht stellte dieses Buch, das heuer seinen
dreissigsten Geburtstag feiert, eine Art Meilenstein in der
Geschichte behinderter Menschen dar.
Mit diesem Buch hast du ein Tabu gebrochen,
denn bis dahin wurden Behinderte als Opfer ihres Schicksals, das
sie still zu erdulden hatten, betrachtet. Diese Sichtweise machte
es der Gesellschaft einfach, sie zu bemitleiden oder aber sie auf
einen Sockel zu stellen. Dank deinem Buch wurde sichtbar,
dass ihr ganz normal denkende und fühlende Menschen mit ganz
normalen Bedürfnissen seid. Hat sich seit dem Erscheinen deines
ersten Buches das Klima im Umgang mit Behinderten verändert?
Ursula
Eggli: Ich denke schon, dass heute die Menschen natürlicher
mit behinderten Menschen und mit Behinderungen umgehen. Aber es
ist wie mit allen Aufbrüchen: Unsere Gesellschaft benötigt viel
Zeit, bis sich etwas dauerhaft und nachhaltig verändert. So habe
ich meine Bücher wohl geschrieben, weil ich eine Mission
verfolge. Meine Aufgabe sehe ich darin, meine Mitmenschen zu
sensibilisieren. Behinderte und Nichtbehinderte. Ihnen die Berührungsängste
voreinander zu nehmen. Ich glaube, dass ‚Herz im Korsett’ da
vieles bewirkt und bewegt hat, denn ich bekam nach dessen
Erscheinen viele Dankesbriefe. Echos von Menschen, die mir zu
meinem Mut gratulierten und mir ihre Betroffenheit und ihr Berührtsein
mitteilten.
1981 hatte ich beschlossen, das Knäuel der
verschiedenen Behindertenbewegungen, die ich mitgegründet hatte,
zu verlassen, um das von mir erträumte Normalitätsprinzip
endlich zu leben. Und um nicht immer nur die Stimme der
Behinderten zu sein. Ich wollte das um mich herum gebaute Klischee
verlassen.
Ich
stürzte mich in alle möglichen feministischen Bewegungen, doch
ich spürte bald, dass mir etwas Wesentliches fehlte. Ich
vermisste die Beziehungen zu meinen behinderten Freunden und
Freundinnen, denn noch immer war ich die, die ich war und bin. Mit
meiner Behinderung. Es war und ist ein schwieriges Unterfangen, in
beiden Welten zu leben. Ich stelle mir vor, dass ich schreibend
den Graben am ehesten überwinde.
DM:
Ist es das, was dich zum Schreiben motiviert: Zwischen behinderten
und nichtbehinderten Menschen Brücken zu bauen?
Ursula
Eggli: Vermutlich schon. Aber ich habe schon immer geschrieben. Einfach aus dem Bedürfnis
heraus, zu schreiben. Als Selbstzweck. Das Tagebuchschreiben führte
zu meiner ersten Publikation, ‚Herz im Korsett’. Ich habe
geschrieben, um zu verarbeiten. Um schreibend über meine
Behinderung, mein Leben, meine Probleme nachzudenken. Früher habe
ich von Hand und mit der Schreibmaschine geschrieben, danach mit
dem Computer. Aber seit etwa zehn Jahren ist meine literarische
Stimme mit zunehmendem Muskelschwund mehr und mehr verstummt, da
das Schreiben an meinem Spezialcomputer sehr zeit- und
arbeitsaufwändig ist. Meiner Behinderung und der damit
verbundenen Rationalisierung und Vereinfachung von Arbeitsabläufen
ist übrigens auch meine fast konsequente Kleinschreibung zu
verdanken. Das Bedienen der Hochstelltaste war mir einfach zu mühsam.
Du fragst mich nach meiner Motivation. Hm.
Neben Spass am Schreiben und dem psychohygienischen Effekt ist da
eben auch die Lust am Fabulieren. Ich verfolge grob gesagt drei
Schreibstile. Der erste, bereits erwähnte, ist das persönliche
Schreiben, das Verarbeiten. Den zweiten Stil könnten wir
Fabulieren nennen. Es ist ein eigendynamisches und sprudelndes
Schreiben. Ich lasse es schreiben. So entstanden einige meiner Märchen.
Dann ist da meine dritte Schreibmethode: Es ist eine Art
intellektuell motiviertes Geschichtenweben, dass ich anwende, wenn
ich bestehende Geschichten umbaue, verfremde, allgemein bekannte
Figuren wie Otfrieds Preusslers ‚Kleine Hexe’ neu
interpretiere oder meine Freakgeschichten spinne. Die Erschaffung
von ‚Freakland’ gehört in diese Stilform. Freakland ist der
Ort, wo behinderte Menschen die Normalos sind und eben sogenannt
normale Sachen erleben. Eine bunte Sammlung von in sich
abgeschlossenen Kurzgeschichten oder Parabeln, die dennoch
miteinander zusammenhängen.
(hier
zum vollständigen Interview, das erstmalig auf Schreibszene
Schweiz erschienen ist:
für PDF-Datei hier klicken
für Word-Datei hier klicken)
Ein
literarischer Abend mit Ursula Eggli im Quartierzentrum
Tscharnergut
vom 4. Juli 2007
‚Herz
im Korsett’, Ursula
Eggli Erstling, hat Geburtstag. Genau vor dreissig Jahren erschien
dieses ‚Tagebuch einer Behinderten’, das damals mit
seiner direkten und intimen Sprache heftige Diskussionen ausgelöst
hatte, in seiner ersten Auflage. Das in autobiografischem Stil
verfasste Buch der an Muskelschwund erkrankten Frau wurde seither
zum Ausdruck eines sich wandelnden Selbstbewusstseins behinderter
Menschen. Dem offensichtlichen Bedürfnis entsprechend, wurde es
in der Zwischenzeit elfmal nachgedruckt. Dem Vorurteil, dass
behinderte Menschen stillschweigend ihr Schicksal zu erdulden hätten,
hat sich Frau Eggli mit ihren Veröffentlichungen immer wieder
entgegengestellt und hartnäckig auf die Selbstbestimmungsrechte
und Bedürfnisse behinderter Menschen aufmerksam gemacht.
Im
liebevoll dekorierten Vortragsraum des Quartierzentrums
Tscharnergut wurden die Gäste an
einer lange Tafel mit Imbisshäppchen, Getränken sowie mit zwei Büchertischen
herzlich willkommen geheissen. Jazzige Saxophonklänge, witzige
Beiträge literarischer und musikalischer Art, sowie Lesungen aus
ihren Büchern wechselten sich mit Würdigungen und Episoden zu
Ursula Egglis Leben und Werk ab. Eine letzte Jazzeinlage leitete
zu einem gemütlichen Teil über.
Auch
Ursula Eggli hat vorgelesen. Aus ihrem Erstlingswerk 'Herz
im Korsett'.
Ausgewählt hat sie die Geschichte einer Ferienreise. Eine Reise
Behinderter und Nicht-Behinderter. Damit hat sie ihr zentrales
Thema ausgewählt, denn es ist ihr grosses Anliegen und ihre
besondere Stärke, Zuhörende mit natürlicher Selbstverständlichkeit
in ihre Erlebniswelt mitzunehmen und Brücken zwischen den beiden
gar nicht so unterschiedlichen Welten zu schlagen. Dass es beim Brückenschlagen
witzig, grotesk, chaotisch oder auch dramatisch zu und her geht,
versteht sich von selbst. Der Schalk, der aus ihren Augen sprühte,
steckte an, befreiendes Lachen lag in der Luft. Obwohl Frau Egglis
schwächer gewordene Stimme mittlerweile von einem Mikrophon verstärkt
werden muss, sind ihre Beiträge nach wie vor inspirierend, berührend
und aufmüpfig.
(©
by Denise Maurer, Bern)
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